Dienstag, 15. März 2016

Pforzheim, Mai 1944 - 3. Kapitel

Das Thema des Kapitels ist die Motivation Ulf Lahners, sich zur Waffen-SS zu melden, einer Einheit, die im Ruf stand, besonders viele Verluste zu erleiden.

Einerseits glaubt Ulf bedingungslos dem Führer, andererseits verspricht er sich von der SS einen gesellschaftlichen Aufstieg. Als Halbwaise mit einer armen Mutter, hatte er keine bürgerlichen Aufstiegschancen. Sein Selbstwertgefühl ist gering. Als Kind und junger Mann hatte ein Rothaariger in dieser Zeit unter der Häme seiner Altersgenossen zu leiden.  Damit waren auch seine Chancen bei Mädchen gering. Die Nazis sahen rote Haare als Zeichen arischer Abstammung und boten ihm auch hier Identifikationsmöglichkeiten.

Bei der SS hatte er tatsächlich die Möglichkeit aufzusteigen.  Sie verlangte dafür nicht unbedingt eine höhere Schulbildung. Er liebt die schwarze Uniform. Das mag verwunderlich erscheinen, aber die Anziehungskraft der SS beruhte auch auf der durchaus gelungenen Uniform, dessen Träger die Propaganda zum Angehörigen der Elite der Herrenmenschen stilisierte. Aus der untersten Kleinbürgerschicht aufzusteigen in die Elite der Gesellschaft, Anerkennung zu finden für einen Mann, der bislang nur ausgegrenzt war und damit auch noch einem hehren Ziel dienen zu dürfen, das war Motivation genug, das eigene Leben mit in die Waagschale zu werfen. Aus einer Situation der sozialen und menschlichen Beschämung befreit sich Ulf mit Hilfe der Nazis. Interessante Lektüre hierzu: Stephan Marks, "Warum folgten sie Hitler?"

Der Lohn seiner Entscheidung wird deutlich, als er in seine Heimatstadt Pforzheim zurückkehrt. Der reiche Unternehmersohn "Pelle" versucht noch, die alte Rolle aufrechtzuerhalten und sich über Ulf lächerlich  zu machen. Doch Ulf beherrscht die Sprache der SS. Sein Schweigen lässt Pelle ängstlich werden. Die Uniform "funktioniert", Ulf hat sein Ziel, anerkannt zu werden, erreicht.

In der Diskussion wird auch deutlich, dass Ulf wenig über die dunkle Seite des Nationalsozialismus weiß. Ist dies plausibel? Bernhard Dörner belegt in seinem Buch "Die Deutschen und der Holocaust" glaubwürdig, dass jeder Deutsche vom Holocaust etwas wissen konnte, aber nicht musste. Die Mutter Ulfs ist eine Frau, die sich dazu bekennt, dass sie sich nicht um Politik kümmert. Da sie einen ständigen Überlebenskampf für sich und ihren Sohn durchstehen musste und aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammt, nehmen wir ihr dies ab. Hätte sie etwas gewusst, sie hätte schon aus Angst geschwiegen. Und Ulf? Er war in den Fängen der Nazi-Erziehung groß geworden. Woher hätte er etwas von den Gräueln der Nazidiktatur erfahren sollen? Doch Pelle wusste mehr. Das ist nicht verwunderlich. Seine Eltern stammen aus einer anderen Schicht und beschäftigen zudem noch Zwangsarbeiter. Doch Ulf gegenüber bezüglich ihres jüdischen Klassenkameraden deutlicher zu werden, konnte er nicht wagen.

Im Verlauf der Handlung wird das Beispiel des verschwundenen jüdischen Klassenkameraden noch eine Rolle spielen, ebenso die sehr enge Beziehung, die Ulf zu seiner Mutter hat.

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